Wer die Wahl hat, hat die Qual? Newsletter IX 2013

Der Wahlkampf geht in seine heiße Phase – zumindest hier in Bayern und in Hessen, wir haben im September auch noch Landtagswahl. Aus Sicht der Hirnforschung und Psychologie gibt es einige interessante Erkenntnisse zum Thema.

  • Es gibt Studien aus Amerika, die annehmen lassen, dass liberale und konservative Wähler in ihrer Hirnstruktur unterschiedlich sind. Tatsächlich haben liberale Wähler einen (für Liebhaber von Fachbegriffen) größeren Gyrus cinguli anterior. Dieser Teil des Gehirns ist wichtig, wenn wir in unsicheren Situationen sind oder Konflikte erleben. Er hilft dabei, neue Aufgaben anzugehen. Die konservativen Amerikaner dagegen haben eine stärker ausgeprägte Amygdala (Besucher meiner Seminare mögen sich in diesem Zusammenhang an Amy Winehouse erinnern). In der Amygdala verarbeiten wir Emotionen und sie ist bei Angst und Wut sehr aktiv.
  • Nimmt man die Psychologie mit ins Spiel, so stehen liberale Wähler eher für Optimismus und Offenheit, während man Konservativen eine gute Antenne für Negatives, Gewissenhaftigkeit und einen ausgeprägten Sinn für Ordnung und Tradition nachsagen kann. Konservative sind laut den Untersuchungen besonders empfänglich für emotionale Gesichter. Da sich Emotion besonders in der linken Gesichtshälfte widerspiegelt, lautet ein Tipp an Politiker: Richten Sie bei Auftritten Ihre linke Gesichtshälfte an das Publikum. Schade für die Zuhörenden im rechten Teil des Saales.
  • Gut für die im Amt befindlichen Politiker in München, schlecht für die in Nürnberg: Der Sieg der lokalen Sportmannschaft verhilft den amtierenden Politikern zu mehr Anerkennung und besseren Wahlergebnissen. Schau mer mal, wie Bayern München bzw. der Club aus Nürnberg im September spielen und was die Politik daraus für Schlüsse zieht. Ist zumindest im Fall des Falles als Ausrede für die Wahlverlierer gut zu gebrauchen!
  • Problematisch für die Herren und Damen Politiker ist, dass wir Menschen glücklicherweise immer noch nicht so wirklich vorhersehbar und rational denken und handeln. So unterliegen wir dem sogenannten „motivierten Denken“. Das bedeutet, dass wir sehr selektiv wahrnehmen und das Wissen, das wir haben, durch Zeitung und Fernsehen bestätigt sehen. Was nicht zu „unserer“ Partei oder politischen Richtung passt, wird meist ignoriert. So fanden Forscher heraus, dass die Anhänger der Republikanischen Partei die enorme Senkung des Wirtschaftsdefizits der USA durch den Demokraten Bill Clinton nicht wahrgenommen haben. Nicht aus Bosheit oder Dummheit, sondern weil unser Gehirn so funktioniert.
  • Im Wahlkampf versuchen die einzelnen Kandidaten, mit ihren Überzeugungen zu punkten – und sie tun das ja meist wirklich sehr gut vorbereitet und mit unglaublichem persönlichem Einsatz. Leider trägt das für die Wahl nicht so viel Früchte wie gewünscht, denn: Der durchschnittliche Wähler ist längst nicht politisch so gut informiert, wie es ideal wäre. Wir Menschen greifen, um trotzdem eine gute Wahl treffen zu können, auf sogenannte „Heuristiken“ zurück. Heuristiken sind einfache Faustregeln, nach denen wir Entscheidungen treffen. So untersuchen wir nicht die Aussagen einzelner Kandidaten nach gut/schlecht oder richtig/falsch, sondern wir treffen verallgemeinernde Annahmen: Wenn ich besonders den Umweltschutz unterstützen möchte, bin ich aller Voraussicht nach bei den Grünen richtig, denn die sind „alle“ für den Umweltschutz. Die Ziele der Partei übertragen wir auf die einzelnen Kandidaten, selbst wenn bekannt ist, dass nicht jeder Kandidat in den Parteien sich mit jedem Punkt im Parteiprogramm identifizieren kann.
    Daraus folgt, dass es sehr schwierig ist, Wähler zum Wechsel anzuregen. Zudem sind natürlich die Beispiele aus Amerika in Deutschland nur eingeschränkt anwendbar, denn hier ist unsere Parteienlandschaft wesentlich komplexer. Und: Je komplexer die Wahlsituation ist, desto mehr wird auf Heuristiken zurückgegriffen.
  • Ein kleiner Trost bleibt für die Kandidaten der Parteien: Stressempfindliche Menschen mit erhöhtem Cortisolspiegel sind oft Nichtwähler, weil für sie der Gang zur Urne Stress bedeutet. Hier gibt es eine einfache Möglichkeit, den Stress zu vermindern, nämlich durch Briefwahl. Wer es also schafft, den cortisolgeplagten Nichtwählern den Stress zu nehmen, indem er sie zur Briefwahl animiert, der kann sich auf beträchtlichen Zuwachs an Wählern freuen.

Für uns Wähler, die wir keine Kandidaten sind, bleibt: Gehen wir zur Wahl – selbst wenn wir nicht alle Parteiprogramme im Einzelnen studiert und nächtelang diskutiert haben, können wir aufgrund der allgemeinen Informationen, die wir über Parteien im Vorbeigehen bekommen haben, Entscheidungen treffen, die uns entsprechen. Das sollten wir nutzen.