Was mein Gesicht über meine TeilnehmerInnen verrät – Die Gedächtnistrainerin

Auch wenn das viel strapazierte Zitat von Paul Watzlawick: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ in jedem Kommunikationsseminar auftaucht, bedeutet es nicht, dass es nur für dieses Fachgebiet wichtig ist.

Besonders wichtig ist dieses Zitat für alle, die in der Lehre tätig sind – ob als Lehrer/Lehrerinnen, Trainer/Trainerinnen* oder wo auch immer.

Erfolgreiches Lehren setzt stets ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen Lehrerin und Teilnehmerin voraus. Und dieses Vertrauensverhältnis unterstreichen wir durch unsere nonverbale Kommunikation.

„Dummerweise“ ist es so, dass wir unsere Emotionen, z.B. Freude, Verachtung, Furcht, Überraschung, nicht wirklich unterdrücken können. Wir können zwar Körperhaltung, Gestik, Stimmlage und Mimik etwas beeinflussen, sie aber nicht komplett beherrschen. Und die Maske vorm Gesicht ist nicht unbedingt das Mittel der Wahl.

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Wir können natürlich eine unsympathische Teilnehmerin (ja, sowas soll’s geben) mit einem Lächeln begrüßen. Wir können Überraschung, falls beispielsweise eine völlig unerwartete Antwort von einer Teilnehmerin kommt, überspielen –  unterschiedlich gut, je nach schauspielerischem Talent. Doch wir zeigen nonverbal immer unbewusst kurzzeitige Reaktionen, „Mikroexpressionen“ genannt. Diesen Begriff brachte der US-amerikanische Anthropologe und Psychologe Paul Ekman (*1934) ins Spiel. Diese Mikroexpressionen nehmen wir normalerweise nicht bewusst wahr, aber sie beeinflussen unsere Beurteilung des Gegenübers deutlich.

Ursache ist, dass limbisches System, Amygdala und insulärer Cortex diese Mikroexpressionen steuern. Und das tun sie, ob wir wollen oder nicht. Diese unbewussten Vorgänge sind wesentlich schneller als das bewusste „sich-Verstellen“ und wir können sie auch nicht abstellen. Die Mikroexpressionen bemerken wir immer dann, wenn uns jemand „komisch vorkommt“, wenn jemand ein „unechtes Lächeln“ hat oder wenn wir einfach ein „seltsames Gefühl“ bei jemandem haben.

Als Trainerin oder Lehrende ist man nach einem anstrengenden Tag vielleicht abgekämpft, das Lächeln wird etwas anstrengender und die Konzentration lässt nach. In so einer Situation ist es noch viel schwieriger, die nonverbale Körpersprache zu kontrollieren, die Mikroexpressionen fallen stärker ins Gewicht und auch die zu beeinflussenden Faktoren werden weniger gut kontrolliert: Die Stimme ist nicht mehr so fest und klar, die Gestik nicht mehr so eindeutig oder die Mimik entgleist.

Gerade sie wird durch Mikroexpressionen relativ stark gesteuert: 10 von insgesamt 26 Gesichtsmuskeln sind für die Mimik zuständig, z.B. der Augenbrauenheber, Augenlidsenker (er kann die Nasenwurzel in tiefe Falten legen) oder der Augenringmuskel (zuständig für das Schließen der Augenlider, also das Blinzeln) und der Mundwinkel- oder Unterlippenherabzieher (ja, die gibt’s wirklich!).

Der Augenringmuskel ist willentlich nicht beherrschbar – er ist nur aktiv, wenn wir tatsächlich Freude empfinden. Lächeln wir aus Höflichkeit, ist er nicht aktiv und unser Lächeln erscheint unecht. Irritationen bei unserem Gegenüber sind die Folge. Diese Mikroexpressionen wirken in beide Richtungen – wir werden danach beurteilt, beurteilen aber auch unsere Gesprächspartner.

Einerseits ist es ein gutes Gefühl zu wissen, dass mir mein Gegenüber nicht alles vormachen kann. Andererseits frage ich mich als Trainerin: Was macht es mit dem Vertrauensverhältnis zu meinen Teilnehmerinnen, wenn mein Augenringmuskel jemandem verrät, dass ich ihn nicht ganz so sympathisch finde wie jemand anderen?

Im Prinzip bestätigt es mich: Wertschätzung allen Teilnehmerinnen gegenüber haben und zeigen. Offen auf die Teilnehmerinnen zugehen. Ich muss mit niemandem gut Freund werden, aber ich habe eine wertschätzende Haltung allen gegenüber und freue mich über jede einzelne, die gekommen ist. Ich lasse meine privaten Themen vor der Seminartüre und konzentriere mich ganz auf die Teilnehmenden. Wir sind an allen Tagen unterschiedlich „gut drauf“. Um die Tage, an denen es nicht ganz so läuft wie es sollte, auch zu guten Tagen zu machen, hilft mir meine Vorbereitung und meine Erfahrung. Ich weiß, was ich weiß und wie viele Seminare ich schon gehalten habe. Daran kann ich mich dann hochziehen – und das tun dann meine Mikroexpressionen hoffentlich auch.

 

Meine Quelle und unbedingte Empfehlung für alle, die mehr über das Thema wissen wollen: Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit, Wie Lernen gelingt, Klett-Cotta, ISBN 978-3-608-94655-0

*Um der besseren Lesbarkeit willen benutze ich nur die weiblichen Formen, meine aber damit auch alle meine männlichen Leser.