Sie sind vergesslich? Dann arbeitet Ihr Gehirn effektiv! Sechs Fakten zum Vergessen und Erinnern

Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass wir Menschen ständig überlegen, wie wir unser Gedächtnis perfektionieren könnten. Es besteht der Anspruch, nichts vergessen zu dürfen. Gleichzeitig steht bei manchen Menschen die Befürchtung im Raum, an Alzheimer zu leiden, weil sie sich nicht alles merken können, was sie sich gerne merken möchten. Es ist schon eine verlockende Vorstellung, alles behalten zu können. Ist es jetzt unnormal, dass ich mir nicht alles merke?

Die Antwort lautet: Natürlich nicht. Einer der Gründe, dass das Gehirn vergisst, ist, dass Ballast unflexibel macht – um es einmal ganz einfach zu sagen.

Unser Gehirn hat die Aufgabe, uns mit dem auszustatten, was für unsere Zukunft wichtig ist. Dazu konzentriert es sich auf die wichtigen Informationen, es generalisiert und trennt sich von dem, was überflüssig geworden ist. Vergangenes, was nicht mehr gebraucht wird und uns auch emotional wenig bedeutet, verblasst und verschwindet schließlich.

Nur so sind wir in der Lage, unseren geistigen Fokus immer wieder auf etwas Neues zu richten und uns an unsere aktuelle Umgebung anzupassen. Die Gesamtheit aller Erinnerungen unseres Lebens wäre ein Ballast, der das Gehirn behindern würde.

1. Weg mit dem unsortierten Datenmüll

Mit dem Nutzen des Vergessens im Hinterkopf bekommen wir eine erste Ahnung, was das Gedächtnis fördert. Plötzlich wird uns klar, weshalb das Lernen auf Vorrat ohne Sinnzusammenhang so schwer ist und weshalb Kinder so große Probleme mit dem Stoff in der Schule haben und stets danach fragen, „wozu das gut sein soll“. So lange wir mit den Informationen persönlich nichts zu tun haben und keinen Sinn im Behalten erkennen, sträubt sich unser Gehirn gegen Datenmüll.

2. Zusammenhänge herstellen

Versuchen Sie also stets, zu Lernendes in einen sinnvollen Kontext zu bringen: Was weiß ich schon zu dem Thema? Gibt es beispielsweise neue rechtliche Vorgaben, die Sie wissen müssen? Überlegen Sie sich konkret, was das für Auswirkungen auf Ihren Alltag hat.

3. Lassen Sie sich beim Lernen berühren

Die schrecklichen Ereignisse um den 11. September haben sich tief in unser Gedächtnis eingegraben. Niemand konnte innerlich unbeteiligt bleiben. Und praktisch jeder kann erzählen, was er gerade getan hat, als er von den Angriffen erstmals gehört hat.

Die Tatsache dieser für uns alle lebendigen Erinnerung erzählt uns bereits viel darüber, was unsere Gedächtnisleistung fördert. Die Emotionen spielen nämlich eine wesentliche Rolle.

Schon 1996 war man diesem Zusammenhang auf der Spur. Der Psychologe Larry Cahill  vom Center for Neurobiology and Learning an der University of California in Irvine bat eine Gruppe von Studenten, sich zwölf emotional aufwühlende und zwölf neutrale Filmszenen anzusehen. Währenddessen untersuchte der Forscher die Gehirnreaktionen der Probanden mit einer Positronen-Emissions-Tomographie. Drei Wochen später wurden die Versuchsteilnehmer aufgefordert, die Filmszenen wiederzugeben.

Zwei Ergebnisse ließen sich feststellen: Die emotional aufwühlenden Szenen lösten schon während des Versuchs die stärkeren Gehirnreaktionen aus. Je stärker die Gehirnreaktion, desto besser konnten sich die Probanden nach drei Wochen an die Filmszenen erinnern. Spricht das dafür, negative Emotionen auszulösen, um Dinge behalten zu können?

Nein, wesentlich hilfreicher und angenehmer ist es, auf positive Emotionen zu setzen. Auch dann schüttet das Gehirn Botenstoffe aus, unter anderem das Serotonin und das Dopamin, welches sich positiv auf das Gedächtnis auswirkt.

Generieren Sie also Bilder zu den zu lernenden Fakten. Die ehemaligen Seminarteilnehmerinnen und –teilnehmer unter den Newsletterabonnenten wissen das.

Denken Sie dann noch an das Wiederholen – unerlässlich, um Fakten ins Langzeitgedächtnis zu bringen.

4. Erholen Sie sich

Forscher empfehlen, sich nach einer Lerneinheit erst einmal zehn Minuten Pause zu gönnen – ohne dabei gleich einzuschlafen. Dadurch verbessert sich die Gedächtnisleistung. Das haben Michaela Dewar  von der University of Edinburgh und ihre Kollegen herausgefunden.

Der Trick dabei: Die Ruhepause gibt dem Gehirn die Möglichkeit, sich die Informationen intensiver einzuprägen.

Wer sich direkt nach dem Lernen durch Spiele oder Ähnliches ablenkt, verliert sofort und auch auf Dauer einen erheblichen Teil der Informationen.

5. Schlafen Sie gut

„Das ist möglicherweise die wichtigste Funktion des Schlafes“, kommentiert Susanne Diekelmann von der Uni Tübingen. Sie sagt: „Wir treffen von all dem Input des Tages eine Auswahl: Das Wichtige wird ins Langzeitgedächtnis übertragen, das Unwichtige nicht.“

Für das Einspeichern von Wissen sind offenbar die Tiefschlafphasen von besonderer Bedeutung.

6. Leben Sie gesund

Ganz zum Schluss habe ich noch einen einfachen Tipp: Leben Sie gesund. Was für den Körper gut ist, fördert auch den Geist.

Studien belegen den schädigenden Einfluss von Zigaretten und anderen Drogen auf das Gedächtnis. Sogar das Übergewicht soll das Gedächtnis schmälern. Sport dagegen fördert die Gedächtnisleistung – auch und gerade im Alter.

„Gehirnnahrung“ unterstützt unser Gehirn bei seiner Arbeit. Lassen Sie sich das Studentenfutter schmecken!

Und ärgern Sie sich nicht, wenn Sie etwas vergessen, denn schon Friedrich Nietzsche wusste:

„Der Vorteil des schlechten Gedächtnisses ist, dass man dieselben guten Dinge mehrere Male zum ersten Mal genießt.“