Plädoyer für eine Auszeit – Newsletter VII 2013

Wer aufgrund des leider fehlgeleiteten Links vom Juli 2013 hier gelandet ist und über „Zeitmanagement“ lesen möchte, klicke bitte noch einmal hier.

Vor einiger Zeit fuhr ich mit dem Zug nach Sachsen, um dort ein Seminar zu halten. Im Ersatzzug, der statt des regulären ICE aufgrund technischer Probleme eingesetzt wurde, musste ich mit einem Platz vorliebnehmen, an dem ich keine Steckdose hatte. Anfangs empfand ich das als großes Drama, da ich nicht, wie vorgesehen, mein Laptop und mein Handy aufladen konnte und somit gefühlsmäßig völlig abgeschottet von der Außenwelt war. Wohlgemerkt, ich befand mich in einem vollen Zug auf der Fahrt mitten durch Deutschland! Dieses unangenehme Gefühl, keinen Kontakt zur „Außenwelt“ zu haben, wich mit der Zeit einem wohligen Gefühl der Freiheit: nicht erreichbar zu sein und die gut drei Stunden Zugfahrt ganz für mich zu haben. Ich konnte meine Gedanken schweifen lassen, unbehelligt aus dem Fenster schauen und plötzlich begann ich, diesen Zustand zu genießen.

Mit diesem Phänomen, das ich am eigenen Leib erleben durfte, befasst sich die Neurowissenschaft schon lange. Gehirnforscher wissen, dass unser Geist Ruhe braucht, um sich entspannen zu können. Denn nur, wenn wir vor Ablenkungen geschützt sind, kann sich unser Geist frei entfalten und unsere Gedanken können fließen. So ist beispielsweise bekannt, dass die besten Ideen unter der Dusche, beim Joggen oder sonst wo entstehen, wenn wir unseren Gedanken freien Lauf lassen können.

Ob wir dann neue Ideen erzeugen, unser Leben in Ruhe überdenken oder uns „nur“ eine Verschnaufpause für die nächste Etappe im Lernmarathon verschaffen: Die Pause ist für unser Gehirn extrem wichtig. Denn warum sollte nur unser Körper Regenerationsphasen brauchen? Jeder Sportler weiß, dass es nicht sinnvoll ist, zu viel auf ein Mal zu trainieren, sondern dass er seinem Körper Pausen gönnen muss. Warum tun wir das nicht auch für unseren Geist?

Unser Gehirn nützt diese Pausen, um das Gelernte zu ordnen und das Netzwerk aus Nervenzellen neu zu organisieren.

In diesen Pausen fährt interessanterweise ein bestimmter Teil unserer Nervenzellen seine Aktivitäten hoch: das „Default Mode Network“, auch Leerlaufnetzwerk genannt. Von Leerlauf kann allerdings keine Rede sein, deshalb wird dieser Zustand von manchem Forscher lieber Offline-Modus genannt. In diesem Modus ist das Gehirn aktiv, nimmt aber keine neuen Informationen auf. Es regeneriert sich vielmehr und sortiert sich neu. Was ganz genau in diesem Zustand im Gehirn abgeht, weiß man noch nicht. Für die Gehirnforschung ist dieses Gebiet relativ neu, weil bisher immer nur nach den aktiven Nervenzellen geforscht wurde und warum bzw. wie sehr sie aktiv sind. Das änderte sich erst, als der US-amerikanische Wissenschaftler Raichle bei seinen Forschungen zufällig bemerkte, dass gewisse Gehirnzellen im Ruhezustand „hochfahren“.

Bis die Gehirnforschung mit großer Wahrscheinlichkeit bestätigt, was wir heute schon vermuten: Gönnen Sie Ihrem Gehirn Pausen – was vor allem jetzt im langersehnten Frühling leichtfallen dürfte.