Multitasking – eine erstrebenswerte Fähigkeit?

Besonders uns Frauen wird nachgesagt, dass wir multitaskingfähig sind: während wir telefonieren, schreiben wir eine E-Mail, beruhigen den Säugling mit dem Fläschchen und bereiten gleichzeitig das Essen zu. Soweit gängige Klischees. Inzwischen spricht es sich herum, dass „Multitasking“ gar nicht so erstrebenswert ist: die Dinge, die quasi gleichzeitig erledigt werden, werden mit minderer Qualität erledigt, als wenn sie nacheinander abgearbeitet würden.
Es existieren unterschiedliche Erklärungsmodelle: ein Modell sagt aus, dass wir einen einzigen Verarbeitungskanal haben. Zwar können wir mit unseren Sinnen verschiedene Reize gleichzeitig aufnehmen, irgendwann kommen diese Reize aber an den „Flaschenhals“ und können nur nacheinander verarbeitet werden. Das ist dann wie Zappen am Fernseher, wo hintereinander kurze Informationseinheiten verarbeitet werden. Wir können nur anscheinend mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen, indem wir z.B. bei einem Text nur jedes 3. Wort verstehen – das reicht ja oft aus. In dieser Zeit kann unser Gehirn unsere Aufmerksamkeit auf die andere Tätigkeit richten. Ein richtiger Gewinn ist es nicht.
Andere Theorien gehen davon aus, dass wir nur eine begrenzte Aufnahmekapazität haben. Je schwieriger also die Aufgaben, desto eher schalten wir ab und scheitern am Multitasking. Routineaufgaben können jedoch gleichzeitig „gestemmt“ werden, z.B. die Unterhaltung beim Mittagessen in der Kantine. Dazu kommt, dass diese beiden Aufgaben ganz unterschiedliche Ressorts im Gehirn beanspruchen und sich deshalb kaum in die Quere kommen.
Die gute Nachricht für alle Multitaskingfans: Die Psychologen Elisabeth Spelke, William Hirs und Ulrich Neisser haben in Experimenten herausgefunden, dass sich Multitasking in Grenzen trainieren lässt. Wenn durch viel Übung eine schwierige Aufgabe in eine Routineaufgabe verwandelt wird, kann sie gleichzeitig mit einer anderen Aufgabe erledigt werden.
Forschungen z.B. des Psychologen David Meyer (University of Michigan) haben gezeigt, dass Menschen für Aufgaben, die sie unter Multitasking bearbeiten, bis zu eineinhalbmal so lang brauchten wie Kollegen, die zuerst die eine und dann die andere Aufgabe erledigten.
Wenn wir an das Autofahren denken: wir können uns gut „nebenher“ unterhalten, Musik hören und vielleicht etwas trinken. Kommt eine schwierige Verkehrssituation, steht es uns gut an, uns auf den Verkehr zu konzentrieren – zum Glück machen wir das automatisch, unser Gehirn schaltet um und konzentriert sich auf die schwierigste Aufgabe.
Das, was Zeitmanager schon lange predigen, bestätigten die diversen Forschungen: erledigen wir die Dinge, wo möglich, lieber nacheinander (z.B. indem wir uns Mailpostfach nur zu bestimmten Zeitpunkten lesen) und sind dafür insgesamt schneller – und zufriedener, denn das Gefühl, komplett in einer Sache aufzugehen, bringt uns eine Zufriedenheit, die wir im Hamsterrad des ständigen Hinterherrennens nie erreichen.
(nach: Gehirn&Geist Basiswissen 1/2010)