Ist Gehirnjogging gut fürs Gehirn?

herzlich willkommen zum Frühlings-Newsletter: der Frühling hat kalendarisch und tatsächlich begonnen. Das ist die perfekte Jahreszeit, um etwas für unser Gehirn zu tun: gehen Sie raus, bewegen Sie sich an der frischen Luft und Ihr Gehirn wird es Ihnen danken! Bewegung und damit verbunden reichlich Sauerstoffzufuhr ist eines der Dinge, die unser Gehirn dringend braucht, um gut arbeiten zu können.

Ich werde oft gefragt, ob Gehirnjogging sinnvoll sei – darunter versteht man im allgemeinen Rätsel, Logeleien, Aufgaben zur räumlichen Wahrnehmung und dergleichen. Wenn Sie z.B. Defizite im logischen Denken haben, dann ist es sinnvoll, wenn Sie sich Logikaufgaben widmen. Wenn Sie gerne Sudokus lösen, dann tun Sie das. Mit Übungen zu Sachaufgaben können Kinder im Bereich der Sachaufgaben besser werden. Sie können mit gezielten Übungen ein bestimmtes Themenfeld üben.

Ob Sie damit Ihre generelle Gedächtnisleistung steigern können, wie oft behauptet wird, stellten Adrian Owen und seine Kollegen von der Cambridge University in frage. Sie führten eine Online-Untersuchung mit über 11 000 Teilnehmern über 6 Wochen lang durch. Es stellte sich heraus, dass die Testteilnehmer sich nur in den Aufgabentypen verbesserten, die sie in ihren Tests geübt hatten. Die generelle Gedächtnisleistung blieb davon leider unberührt. Die Forscher vermuten, dass ein direkt auf die Einzelperson abgestimmtes Training die Intelligenz insgesamt verbessern könnte – Beweise für die Wirksamkeit solcher individuellen Trainings gibt es nicht.

Das gleiche sagt der Londoner Wissenschaftssoziologe und Neurokritiker Nikolas Rose. In einem Interview legt er dar, dass in die Neurowissenschaft und damit in die Erklärungsmöglichkeiten der Gehirnstruktur und –aktivitäten sehr viel Hoffnung gesetzt wird. Hirnscans und anderes sollen es richten, viele Hoffnung ruhen auf genauen bildgebenden und anderen Verfahren, die Abläufe im Gehirn sichtbar und verständlich zu machen. Doch die Fokussierung allein auf Nervenzellen und Synapsen greift laut Rose zu kurz. Wir seien eben nicht nur eine „Ansammlung von Neuronen“ (Zitat Nobelpreisträger Francis Crick), sondern laut Rose ein komplexes System, das denkt, fühlt und handelt. Das heißt, psychische Vorgänge können nicht einfach auf physische, neuronale Vorgänge reduziert werden. Warum wir handeln, was wir denken und wie wir fühlen, sei noch nicht vollständig erforscht. Ob das jemals erreicht wird, bleibt momentan unbeantwortet.

Ich sehe das Ergebnis des Tests und die Aussagen von Mr Rose als Trost und Aufforderung, dass wir uns vielseitig interessieren und engagieren. Die Pille oder das Training, das uns intelligent macht oder, je nach Bedarf, vor Alzheimer und anderen schlimmen Krankheiten schützt, gibt es nicht.

Gehen Sie also raus, genießen Sie den Sonnenschein und tun somit gleichzeitig etwas für Ihr Gehirn. So fordern und fördern Sie Ihr Gehirn mit allen Sinnen – und das tut Körper, Geist und Seele gut.

nach: Gehirn & Geist, April 2012