Enttarnung eines Mythos: das unterschiedliche Gehirn von Mann und Frau NL III/2012

Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können – Kommentare dieser Art haben Sie sicher schon viel gelesen. Inzwischen gibt es auch jede Menge Bücher zu diesem Thema: der angeblich angeborene und unveränderliche Unterschied zwischen Mann und Frau.

Das Thema fasziniert mich so sehr, dass ich meinen August-Newsletter incl. Buchtipp diesem Thema widme. Lange Jahre war auch ich überzeugt, dass es einen angeborenen Unterschied zwischen Mann und Frau geben muss. Ich fühlte am eigenen Leib meine, sagen wir mal, geringe Affinität gegenüber Zahlen und Logik, dafür um so mehr meine Sympathie für das kreative Chaos und für Sprachen. Wobei Fremdsprachen für mich überaus logisch sind – womit wir schon beim ersten Widerspruch wären.

Ein Selbsttest erfolgte bei der Kindererziehung: wie viele andere Eltern haben auch mein Mann und ich versucht, unsere Kinder so zu erziehen, dass auch Jungs mit Puppen und Mädchen mit Autos spielen dürfen. Und machen nicht viele Eltern die Erfahrung, dass die Mädchen automatisch die Autos und die Jungs die Puppen verschmähen? Sie greifen „intuitiv“ zu dem für sie „bestimmten“ Spielzeug? Diese Selbstversuche, vor allem die daraus gezogenen Schlüsse, sind aus neurowissenschaftlicher Sicht nicht zu vertreten. Nicht nur, weil die Probandenzahl zu gering ist und andere Versuchsvoraussetzungen nicht stimmen – abgesehen davon, dass es die wenigsten Eltern als Versuch ansehen würden. Doch wir sind alle so sehr gefangen in unserer auf zwei Geschlechter ausgerichteten Welt, dass wir uns nicht neutral verhalten können. Selbst wenn uns das gelingen sollte (und dabei stellt sich die Frage, ob sich eine Frau, die einen Rock trägt, noch geschlechtsneutral verhält. Was wäre, wenn ein Mann einen Rock anziehen würde? Wie wären die Kommentare seiner Mitmenschen einzustufen?), ist unsere Umwelt geprägt vom Unterschied Mann – Frau: ob Kleidung, Musikgeschmack oder Essen. Wir werden quasi automatisch männlich oder weiblich geprägt und können dem gar nicht entkommen.

Die, wie ich finde, wohltuende Lösung auf diese Problemstellung ist: es gibt keine geschlechtsspezifische Lösung! Wenn Männer zuhören können (oder auch nicht) und Frauen einparken können (oder auch nicht), wenn Mädchen mit Puppen und Jungs mit Autos spielen, liegt das laut Cordelia Fine nicht an der Tatsache, dass die eine von einem weiblichen und der andere von einem männlichen Gehirn geleitet wird. Es liegt nicht an den Genen und nicht an unserem antrainierten Verhalten aus den Zeiten des Säbelzahntigers.
Es ist vielmehr so, dass männliche und weibliche Gehirne grundsätzlich gleich ticken – wenn es Unterschiede gibt, dann von Individuum zu Individuum, unabhängig vom Geschlecht. Wenn Sie einem  Neurowissenschaftler nur ein einzelnes Gehirn präsentieren, kann er nicht herausfinden, ob es zu einer Frau oder zu einem Mann gehörte.

Cordula Fine, Neurologin und Psychologin aus Australien, räumt mit Mythen dieser Art auf – sie führt auf fast 40 Seiten Bibliographie (falls man das für ein Gütesiegel halten mag) die Werke auf, die sie für und wider die Ungleichheit von Mann und Frau gelesen und in ihrem Buch verarbeitet hat. Sie beweist darin, dass das männlich oder weiblich orientierte Verhalten, Empathie (Einfühlungsvermögen), logisches Denken usw. bereits im Mutterleib festgelegt und damit unveränderbar zementiert sind. Lassen wir Männer zu, die im Kino weinen! Ihr Gehirn ist genau so normal männlich wie das von Frauen, die gut einparken können.

Laut Fine basieren die Erkenntnisse früherer Untersuchungen (sie untersucht wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen von Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit) auf teils falschen Methoden: so werden toten Gehirnen (!) Bilder vorgelegt (zumindest erweckt der erwähnte Bericht den Eindruck), Tests mit sehr wenigen Probanden als aussagekräftig dargestellt, bunte Gehirnbilder aus der Magnetresonanztherapie fehlinterpretiert etc.

Für uns Laien ist es schlecht möglich, neurowissenschaftlichen Nonsens von der Wahrheit zu unterscheiden. Das haben Cordula Fine und viele andere für uns getan und deshalb war es mir wichtig, dieses Thema und das Buch von Cordula Fine zum Inhalt dieses Newsletters zu machen.

Herzliche Grüße,

Ihre Julia Hayn