Azubis mit Prüfungsangst? Konkrete Tipps für Prüfling, Prüfer und Betrieb

Lampenfieber ist grundsätzlich etwas Positives:

Bei Lampenfieber wird vom limbischen System in unserem Gehirn eine Situation emotional bewertet. Erkennt das limbische System, genauer die Amygdala, die Situation als bedrohlich, aktiviert es die sogenannte „Stressachse“.

Unser Gehirn flutet dann unseren Körper mit einem Cocktail aus Hormonen und Transmittern, wie z.B. Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Das macht erst einmal konzentriert und wach, wir sind bereit für die vor uns liegende Aufgabe. Ohne ein gewisses Maß an Lampenfieber würden wir schlimmstenfalls in einen ist-mir-egal-Modus verfallen, was dem Ergebnis der Prüfung nicht zuträglich wäre.

Wird aber ein Zuviel an Cocktail ausgeschüttet, kann es zu einer Blockade des Gehirns kommen. Das ist dann der Fall, wenn den Prüflingen Antworten nicht mehr einfallen, die sie in der Vorbereitung immer gewusst haben.

Was tun?

Jeder Mensch reagiert unterschiedlich. Folgende Tipps helfen gegen die gängigsten Erscheinungen von Lampenfieber:

Der Prüfling selbst:

  • Das Herz klopft, der Puls rast: Auf die eigene Atmung konzentrieren, bewusst langsam ein- und ausatmen
  • Der Mund ist trocken: Einen kleinen Schluck trinken, Lutschbonbons einstecken.
  • Die Hände zittern: Etwas in die Hand nehmen, beispielsweise einen Stift oder mit den Händen jeweils das andere Handgelenk umfassen.

Der Prüfer:

  • Beginnen Sie das Gespräch mit einer kurzen nicht-fachlichen Frage, beispielsweise nach der Anfahrt.
  • Wenn der Prüfling deutlich sichtbar nervös ist, sprechen Sie das an und machen Sie dem Prüfling klar, dass das ein normaler Vorgang ist und von Ihrer Seite keinen Einfluss auf das Ergebnis der Prüfung hat.
  • Beginnen Sie mit einfachen Fragen.

Das Unternehmen – vor der Prüfung:

Um dem Lampenfieber erst gar keine große Chance zu geben, können Sie als Betrieb im Vorfeld schon viel tun.

  • Häufen sich in Ihrem Unternehmen Azubis mit Prüfungsangst? Überdenken Sie in diesem Fall Ihre Ausbildung und Ihre Rolle als Ausbilder. Haben Sie sich zu weit von den Azubis entfernt und nehmen deren Angst vor der Prüfung nicht wahr oder nicht ernst? Läuft Ihre Ausbildung schon seit Jahrzehnten nach dem gleichen Schema ab? Ist die Prüfungsvorbereitung (noch) ausreichend? Begleiten Sie die Azubis angemessen?
  • Holen Sie sich die Meinung Ihrer Azubis ein: Was wünschen sich die Auszubildenden vom Betrieb für die Prüfungsvorbereitung? Was läuft gut? Wie läuft es in anderen Betrieben?
  • Fördern Sie Lerngruppen. Starke und schwache Auszubildende profitieren beiderseits von einem Miteinander in Lerngruppen. Unterstützen Sie die Azubis bei der Bildung von Lerngruppen – aber nur, wenn sich die Gruppen nicht ohne Ihr Zutun bilden oder wenn einige Azubis keine Gruppe haben.
  • Lassen Sie die Azubis das Gelernte präsentieren. So können Sie sicherstellen, dass sie den Lernstoff verstanden haben und wiedergeben können. Erstellen Sie Aufgaben, die als Projekt abgearbeitet werden müssen und den Transfer der Theorie in die Praxis erfordern.
  • Fördern Sie einen Austausch von frisch ausgelernten Kollegen mit den Auszubildenden – ohne Ihre Präsenz. Da wird in Augenhöhe geredet und viel wertvolle Information ausgetauscht.
  • Kommunizieren Sie die Struktur der Ausbildung. Visualisieren Sie die Ausbildung: Wann kommt welches Thema dran? Welche Themen gibt es? Viele Menschen sind visuell veranlagt, d.h. sie können besonders gut Inhalte abspeichern, die sie anschauen oder lesen können.
  • Organisieren Sie Prüfungssituationen. Als Rollenspiel, in dem die Azubis auch in die Rolle der Prüfer schlüpfen. Durch das Ausdenken verschiedener Fragen erzielen Sie bei den Azubis einen hohen Lerneffekt.
  • Machen Sie klar, dass die Prüfer auf der Seite der Azubis stehen. Kein Prüfer lässt absichtlich einen Prüfling durchfallen. Jeder wird versuchen, dass die Prüfungen bestanden werden.