Altes Gedächtnis – schlechtes Gedächtnis? Newsletter IV/2012

Viele Menschen beklagen mit zunehmendem Alter – ich spreche von Personen ab Mitte 40 – eine Verschlechterung der Leistungsfähigkeit ihres Gedächtnisses. Es besteht der subjektive Eindruck, dass das Merken schlechter fällt, dass neue Dinge langsamer erlernt werden können.

Dieser subjektive Eindruck ist de facto auch richtig, falsch ist allerdings die Annahme, dass das schlecht und außergewöhnlich sei.

Unser aller Gedächtnis arbeitet in jungen Jahren bis ca. Mitte zwanzig auf Hochtouren. Und das ist auch gut so! Schließlich haben wir als junger Mensch noch längst nicht so viel Erfahrung, mit neuen Situationen umzugehen wie als Mensch mit einiger Lebenserfahrung. So wie die Gedächtnisleistung abnimmt, steigt unsere Lebenserfahrung. Wir brauchen schlichtweg nicht mehr in so vielen Situationen wie früher unser ganzes Gedächtnis, um die Situation zu bewältigen. Wir haben viele Routinen gewonnen, die uns helfen, z.B. kritische Situationen zu beurteilen und zu meistern. Freuen Sie sich über so viel Erfahrung! Kein jüngerer Mensch weiß so viel wie ein älterer – ältere Menschen haben einen unglaublichen Wissensschatz.
Natürlich geht es nicht mehr so schnell, wenn wir beispielsweise eine neue Sprache lernen wollen. Doch bedenken Sie, dass wir auch als Kind nicht sofort alles aufs erste Mal dauerhaft abgespeichert haben. Wir haben uns die Zeit zum Üben genommen. Wie oft sind Sie gestürzt, bis Sie richtig laufen konnten? Wie oft mussten wir Englischvokabeln oder Matheformeln wiederholen, bis sie sitzen?

Zudem sind viele von uns mit vorrückendem Alter in Lebenssituationen, die extrem viel unserer geistigen Kapazität beanspruchen: wir haben Berufe, in denen wir mehr Verantwortung tragen als früher  – und sei es nur, dass uns jüngere Kollegen als Kapazität betrachten. Privat sind oft Kinder da, die versorgt sein wollen oder Eltern, die gepflegt werden müssen.  Dazu gäbe es noch viele Beispiele. Als Schüler kümmerten wir uns primär um uns selbst und hatten auf diese Weise viel Kapazität frei, um zu lernen. Auch das war gut so, weil es wichtig war.

Wenn Ihnen das alles zwar ein Trost ist, Sie aber trotzdem etwas für Ihr Gedächtnis tun wollen, gibt es folgende Möglichkeiten:

  1. Bleiben Sie aktiv – im Beruf, im Ruhestand, im Privatleben. Wer rastet, der rostet. Dieser weise Spruch gilt auch für Ihr Gedächtnis!
  2. Seien Sie offen für Neues. Ändern Sie Routinen, lernen Sie noch einmal etwas Neues – ob Spanisch, Spitzentanz oder Spaghetti kochen. Tun Sie etwas Neues.
  3. Pflegen Sie Ihre sozialen Kontakte – im Beruf wie auch im Privaten. Knüpfen Sie neue Bekanntschaften. Der soziale Austausch bedeutet Höchstleistung für unser Gehirn, und zwar sehr angenehme.

Untersuchungen haben ergeben: wer glaubt, ein schlechtes Gedächtnis zu haben, bekommt es auch. Die berühmte „self-fulfilling prophecy“ oder „selbsterfüllende Prophezeiung“ schlägt hier gnadenlos zu. Haben Sie Vertrauen in Ihr Gedächtnis, hegen und pflegen Sie es, dann lässt es sie nicht im Stich!
Herzliche Grüße,

Ihre Julia Hayn