Können Gehirnforscher bald unsere Gedanken lesen? (Newsletter II/2012)

So faszinierend die Fortschritte in der Neurologie, der Wissenschaft rund um das Nervensystem, sind, so erschreckend können diese auf Laien wirken.

In immer mehr sog. „populärwissenschaftlichen“ Beiträgen, also Beiträgen in Zeitschriften für uns Nicht-Wissenschaftler, werden die neuesten Einblicke rund ums Gehirn erklärt. Wir sehen bunte Bilder des Gehirns, lesen von bahnbrechenden Methoden wie „Magnetresonanztherapie (MRT)“ und fragen uns mit mehr oder weniger Schauer über den Rücken, ob es schon jetzt möglich ist, unsere Gedanken zu lesen.

Die Antwort ist ein klares „Jein“!

Die bunten Flecken auf den Bildern menschlicher Gehirne zeigen an, welche Gehirnregion gerade aktiv ist. Dies ist möglich, weil bei besonderer Aktivität in einzelnen Regionen mehr Sauerstoff verbraucht wird als in ruhenden Regionen. Dies wiederum kann der MRT-Scanner aufzeichnen. Man sieht also tatsächlich, ob jemand gerade eine mathematische Aufgabe löst oder ob jemand emotional reagiert. So entsteht der Eindruck, dass wir einem Menschen beim Denken zusehen können. Welche Aufgabe dieser Mensch gerade löst oder worüber er sich freut, sieht man – Gott sei Dank – nicht.

Außerdem ist dieses Aktivitätsmuster in jedem Gehirn anders. Wir können also nicht ein Gehirn scannen und die Erkenntnisse daraus dann 1:1 auf andere Menschen übertragen. Denkt also ein Mensch z.B. an ein kühles Eis in heißen Sommertagen, zeigen verschiedene Gehirne dazu unterschiedliche Aktivitäten – schon allein deshalb, weil wir alle dazu unterschiedliche Erinnerungen und Emotionen wachrufen. Diese Muster können sich im Laufe des Lebens bei einem Menschen auch wieder ändern. Vielleicht habe ich im Lauf meines Lebens schlechte Erfahrungen mit kühlem Eis an heißen Sommertagen gemacht – und schon wird die Gehirnaktivität eine andere sein als vor dieser Erfahrung.

Es ist allerdings mit Hilfe komplizierter Algorithmen möglich, festzustellen, ob ein Mensch gerade z.B. an einen Elefanten denkt – wenn man die Gehirnströme dieses Menschen gemessen hat, während er gerade an einen Elefanten dachte. Daraus lässt sich dann erkennen, wenn er gerade wieder an einen Elefanten denkt.

Zudem kommt hinzu, dass diese Bilder hochkomplex sind und nur von ausgewiesenen Fachleuten richtig interpretiert werden können. Große Bilder mit knappen Texten können also maximal Neugierde wecken, sich näher mit diesem Thema zu befassen.

Fazit: die Forscher sind auf diesem Gebiet unglaublich aktiv. Man hofft zum Beispiel, dass es in den nächsten Jahren realistisch werden wird, Prothesen mit Hilfe von Gedanken zu steuern. Das sind wünschenswerte Erkenntnisse, die das Leben vieler Menschen positiv beeinflussen würden. Ebenso ist die Forschung ein Segen für viele Parkinson-, Alzheimer- und andere Kranke.

Die wichtigste Frage, die sich die Hirnforscher wohl für die Zukunft stellen werden müssen, ist meines Erachtens die: wie weit wollen wir gehen? Was ist moralisch/ethisch vertretbar? Denn ausgeschlossen wird für die Zukunft nichts, auch wenn das Gedankenlesen in der Form, dass wir wissen, was unser Gegenüber denkt, hoffentlich noch für lange, lange Zeit Zukunftsmusik bleiben wird.